Von Zukunftsträumen und gallischen Dörfern
Beispiel einer Zukunftskonferenz
Beratung muss nicht nur durch Seminare geschehen. Die Zukunftskonferenz ist eine besonders interessante Methode hierfür. Sie bewährt sich vor allem dann, wenn es um das Leitbild einer Gemeinde geht. Hier der Bericht einer Gemeinde, die sich auf den Weg gemacht hat.
Etwa 40m² beschriebenes Papier hängen an den Wänden, in einer Ecke liegt eine Rolle Klebeband, Plakatschreiber daneben. In einem Flur stehen leere Getränkekisten, und auf der Fensterbank sind noch einige Fotos, die jemand als "Mitbringsel" zur Geschichte der Gemeinde mitgebracht hatte. Die sichtbaren Spuren der Zukunftskonferenz, die vom 03. bis 05.09.1999 in der Evangelisch-methodistischen Kirche in Solingen stattgefunden hat. Gemeinsam mit einem anderen Gemeindeberater war ich von der Gemeinde gebeten worden, die Konferenz unter dem Titel "Gemeinsam Gottes Berufung erkennen" vorzubereiten und zu moderieren. Von Freitag Nachmittag bis Sonntag Mittag arbeiteten etwa 45 Teilnehmer in dem Gemeinderaum miteinander.
Noch nicht so sichtbar sind im Moment die anderen Spuren der Konferenz. Diese wurden immer dann besonders deutlich, wenn während der Reflexionsrunden die Teilnehmer dazu aufgefordert wurden, über die bisherige gemeinsame Arbeit nachzudenken.
"Es ist wie ein neuer Start, eine neue Basis", sagte einer der Teilnehmer, als alle um das Bild mit den Trends saßen "ich bin froh."
Das Bild der Katze, die sich lange Zeit nimmt bevor sie ihre Beute anspringt, stand für den Weg, den man zurücklegen würde, bevor man zur Zukunft und den konkreten Maßnahmen kommen würde. Erst würden Gemeinsamkeiten erarbeitet werden und man würde eine neue Vorstellung von der gemeinsamen Geschichte und den tragenden Zielen entwickeln. Alles das sollte das Fundament des Leitbildes sein, das über der kommenden Arbeit in der Gemeinde stehen sollte.
Schaffung einer gemeinsamen Basis als Ausgangspunkt
Die Konferenz begann mit einem Rückblick in die Vergangenheit. Schlüsselereignisse in der Gesellschaft, im persönlichen Leben und der Gemeinde wurden betrachtet. Die Gruppen waren in "Mixgruppen" bunt gemischt. In späteren Arbeitsschritten saßen sie auch in Interessensgruppen. Die Gruppenzusammensetzung war - wie in allen Zukunftskonferenzen - nicht frei wählbar, da sie einen wichtigen Beitrag zu der Dynamik leistete. Ängstlichkeit und Verwirrung waren wesentliche Nebenprodukte, ebenso wie Spaß, Energie und Leistung.
Ein gemeinsames Bild der Welt, der eigenen Werte und Geschichte sollte in den Gruppen entwickelt werden. Hierfür hatten die Teilnehmer Zeit, um sich in einer Einzelarbeit Gedanken darüber zu machen, welche Geschehnisse die Geschichte geprägt hatten. Nachdem die ersten Hemmschwellen überwunden waren, blieb kaum noch jemand an den Tischen sitzen. Die 3 Zeitstrahlen, die an den Wänden des Raumes hingen, füllten sich rasch mit den Ergebnissen der ersten Aufgabe.
Daraus entwickelten die Gruppen Präsentationen, in denen diese Geschichte zusammengefaßt wurde. Ein Gefühl von Gemeinschaft entstand durch das gemeinsame Arbeiten und den Austausch von Erinnerungen. Viele Jahre wurden in nur ein paar Stunden durchlaufen, und noch am gleichen Abend kam man zur Gegenwart. Äußere Einflüsse, die das Leben und die Gemeinde im Moment beeinflussten, sollten deutlich werden. Daraus zog man dann gemeinsam Rückschlüsse für die Gegenwart und die Zukunft. Die Trends wurden von der gesamten Gruppe zu einem vollständigeren Bild gebündelt, als eine Einzelperson es hätte ermitteln können. So entstand eine graphische Darstellung der Umwelteinflüsse, die diese Teilnehmer wahrnahmen.
Immer verwirrender wurde das Bild, das an der Wand entstand. Aber allen wurde klar: So unterschiedlich diese ganzen Trends auch waren, so gegensätzlich sie sich auch darstellten, alles das hatte mit der Gemeinde hier in Solingen zu tun. Mit einer Punktebewertung wurden die Trends, die am wichtigsten erschienen, sichtbar. Eine Aufgabe in den Interessensgruppen vertiefte diese Tendenzen weiter.
Die Teilnehmer erhielten die Aufgabe zu beschreiben, wie sie mit den gegenwärtigen Trends umgingen und was sie in Zukunft tun wollten. Immer wieder tauchten in den Präsentationen die Begriffe Unverbindlichkeit, Individualismus, Desinteresse am Glauben und Überalterung auf.
In den Reflexionen nahmen die Moderatoren erneut den Faden auf: "Was davon möchten Sie in die Zukunft mitnehmen?"
Nach einer kurzen Pause ging die Gruppe zu der Aufgabe "Stolz und Bedauern" über, ein besonders herausfordernder Abschnitt. Jede Gruppe machte eine Bestandsaufnahme der "derzeitigen Realität". Sie beantwortete die Frage worauf die Gruppe stolz war, wenn sie ihren Beitrag zur Gemeinde betrachtete, und was sie bedauerte. Es zeigten sich viele Dinge, auf die diese Gemeinde in Solingen zu Recht stolz sein konnte, zum Beispiel die Räumlichkeiten für einen Eine-Welt-Laden, in dem sich vieles entwickelt hatte. Viele stille Arbeiter wurden in der Gemeinde ausgemacht, die sich einbrachten und man freute sich darüber, dass Mitgliedern durch gabenorientierte Mitarbeiterschaft ihren Platz in der Gemeinde neu gefunden haben.
Die Interessensgruppen machten sich aber auch die in dieser Runde geschilderten Probleme zu eigen und übernahmen Verantwortung dafür. Man nahm Stellung zu den sehr unterschiedlichen Ansichten, die manchmal für Spannungen in der Gemeinde sorgten, und zu der Angst, die einzelne Gruppen davon abhielten, etwas zu verändern. Während der anschließenden Reflexion meinte ein Teilnehmer: "Bei der Hälfte von dem, was wir hier bedauert haben, hätten wir früher von Schuld gesprochen. Wie gehen wir damit um?"
Dies war der Moment, an dem sich wieder zeigte, dass es bei der Konferenz um mehr ging als die bloße Erarbeitung eines neuen Arbeitskonzepts. Die Teilnehmer der Zukunftskonferenz hatten Zeit um Gott zu danken für alles Gute, was er getan hatte, und um Vergebung zu bitten für das, was an Schuld da war. In der nun folgenden Pause gingen Einzelne aufeinander zu und führten leise Gespräche, in denen sie Mißverständnisse klärten und einander um Vergebung baten. Es herrschte sichtliche Betroffenheit und viele hatten das Gefühl, dass man in diesen Minuten neuen Boden betreten hatte.
Schaffung einer wünschenswerten Zukunft
Man war an dieser Stelle nur einen kleinen Schritt von der Zukunft entfernt, die man erträumen wollte. Nach einer kleinen Gedankenreise, die zum Beten und Nachdenken einlud, sollten die Teilnehmer sich eine ideale Gemeinde im Jahr 2005 vorstellen. Einige träumten mit geschlossenen Augen, welche Berufung die Gemeinde für sich erkannt hatte und wie diese - sehr positive - Zukunft aussehen würde.
Bis in den Nachmittag hinein erarbeiteten die Teilnehmer in den Mixgruppen eine spielerische Inszenierung ihrer Vision. Die Spannbreite der Acht-Minuten-Stücke reichte von einem Treffen des Frauenkreises im Jahr 2005 bis zu einer Sitzung, in der unter anderem die - wegen dem anhaltenden Wachstum - dringend notwendige räumliche Erweiterung besprochen wurde.
Diese kreativen Darstellungen enthielten alle die wesentlichen Ziele und Träume dieser Gruppen und machten deutlich, welche grundlegenden Gemeinsamkeiten die Menschen in der Gemeinde haben. Was spielerisch dargestellt worden ist, ist Wunsch aller. Mehr als alles andere zeigte sich hier: Einigung ist möglich! Das Gefühls für das, was man wirklich will und woran man zu arbeiten bereit ist, vertiefte sich.
Als die Teilnehmer am Sonntag Morgen eintrafen, fanden sie ihre Ziele und Projekte in ein-zelnen Themenbereichen an einer Wand des Raumes wieder. Die Moderatoren führten die Gemeinde noch einmal an das Thema der Konferenz: Gemeinsam Gottes Berufung erkennen.
Um zu prüfen, ob die gefundenen gemeinsamen Ziele tatsächlich zu der Berufung paßten, die in der Gemeinde bereits formuliert waren, konnten die Teilnehmer noch einmal in Ruhe beten und nachdenken.
Erst dann bewerteten sie mit Klebepunkten, welche Bereiche ihrer Meinung nach zur Berufung der Gemeinde gehörten und welche nicht. Über Gottes Berufung kann man nicht abstimmen, wurde nach der Bewertung gesagt. Entstanden war eine Momentaufnahme dessen, was die Gemeinde denkt, dass Gottes Berufung ist. Auch Differenzen wurden wahrgenommen. Ganz offensichtlich gab es Dinge, in denen man sich nicht einig war, zum Beispiel bei der Frage, wie eine weitere missionarische Öffnung der Gemeinde nach außen aussehen könnte. Gerade diese Öffnung aber, stellten die Teilnehmer fest, war ihrer Meinung nach ein zentraler Punkt ihrer Berufung. Wie sollte es hier weitergehen?
Das Bild des gallischen Dorfes aus den Asterix-Heften tauchte auf. Entsprach das nicht der Art, wie die Gemeinde lebte? Begann der Barde zu spielen - oder der Fisch zu stinken, warf ein Teilnehmer ein und bekam lachende Zustimmung - begann der Streit untereinander. Tauchte am Horizont jedoch eine Bedrohung auf - zum Beispiel die Römer - hielten sie alle fest zusammen. Einige nickten. Wie wäre es, wenn man in der Gemeinde eine Art Versöhnungsausschuß bilden würde, dessen Aufgabe es sein würde, sich mit den Problemen in den wichtigen Bereichen zu befassen um die Einheit zu fördern?
Tatsächlich wurde das "gallische Dorf", wie man es mit einem Augenzwinkern nannte, in der letzten Runde gebildet und man machte sich Gedanken, wie Verständigungsarbeit beginnen könnte.
In dieser letzten Runde arbeiteten die Teilnehmer in Freiwilligengruppen, die an den wichtigen Elementen der Berufung planen wollten. Sechs Gruppen fanden sich, die konkrete Maßnahmen andachten, und in der verbleibenden Zeit vor dem Abschlußgottesdienst überlegten, wie "Geistliches Leben", die Arbeit mit Kindern, eine Öffnung nach außen, die Eine-Welt-Arbeit, der "Aktivkreis" Senioren und nicht zuletzt das gallische Dorf aussehen könnten.
"Wir können mit der Zukunftskonferenz nicht alle Probleme lösen", meinte eine Teilnehmerin zum Schluß "aber wir sind einen großen Schritt weiter. Das ist ein Erfolg."




